Wie haben unsere Vorfahren mit dem Wald gelebt? Was gibt es in unserem Wald zu entdecken?
Hier lesen Sie zwei Auszüge aus dem Heimatbuch "Kirberg Einst und Jetzt", das 2005 zum Jubiläum "650 Jahre Amt und Flecken Kirberg" erscheinen ist.


Der Wald – einst Existenzgrundlage für die Bewohner des Fleckens


Kaum ein anderer natürlicher Lebensraum ist durch Rodung und Urbarmachung derart geschmälert und durch Nutzung und menschliche Beeinflussung anderer Art ähnlich tief greifend verändert worden wie der Wald.

Man darf davon ausgehen, dass ursprünglich unser gesamtes Gebiet bewaldet war, hauptsächlich durch Buchen- und Eichenwald. Bis zum Zeitpunkt der Gründung des Amtes Kirberg dürfte die Gemarkung durch Rodung bereits unser heutiges Aussehen erhalten haben. Der Wald beschränkte sich dabei auf die landwirtschaftlich nicht nutzbare Fläche. Dieser Wald um Kirberg gehörte vor Zeiten allen Einwohnern, die über eine Liegenschaft im Flecken verfügten. Er war zusammen mit den Ohrenern und den Ketternschwalbachern gemeinschaftlich bewirtschaftetes Allmendegut, was Eigentum des Grundes wie auch Nutzung dieses Waldes umschloss. Einzig und allein der Steinsche und der Spechtsche Hof zählten ganz kleine Waldflächen zu ihrem privaten Besitz. (...)

Heute hat die Waldwirtschaft im Wirtschaftsleben des Flecken ihre Bedeutung verloren. Der Wald dient zum Großteil der Bevölkerung als Erholungsgebiet und zur Freizeitgestaltung. Wer heute das Waldgebiet durch Spaziergänge, Wanderungen oder Radfahren erschließt und mit offenen Augen die Gegend erobert, stößt auf oft eigenartige Erscheinungen. So befinden sich im Distrikt Eichelgarten eine Eiche und im Distrikt Berg eine Buche, die im Volksmund als „Toreiche“ und „Torbuche“ bezeichnet werden. Beide alten, große Bäume entsprießen aus jeweils zwei verschiedenen Wurzelstöcken und die beiden daraus aufragenden Stämme wachsen einige Meter über dem Erdboden zu einem einzigen Stamm zusammen, der in einer mächtigen Krone endet. Durch die torähnliche Öffnung zwischen den beiden unteren Stämmen kann bequem ein ausgewachsener Mensch gehen.

(NK); Quelle: Saalbuch, Archiv Flecken Kirberg




Die Torbogeneiche - ganz natürlich sind hier zwei Bäume zu einem Stamm zusammengewachsen. Am Bierhausweg von Kirberg aus kommend auf der linken Seite findet man die Torbogeneiche in der Abteilung 109, kurz vor der Wegkreuzung. (Der Bierhausweg ist die Verlängerung des Weges vom Kirberger Sportplatz aus).


Waldspaziergang in unserem Gemeindewald

Erster Waldspaziergang

(...) In den Abteilungen 102/104, Distrikt Berg quillt der Rahlbach und nimmt seinem Lauf durch Abteilung 109, Distrikt Oberer Eichelgarten. Das Wasser rinnt von Abteilung 107, Distrikt Unner nach Kirberg.

Wir stehen vor dem Ketternschwalbacher Pfad, er führt durch Abteilung 102, Distrikt Berg nach Abteilung 101, Distrikt Berg und weiter bis zum Grenzweg. An Abteilung 101, Distrikt Berg angekommen, führt der Weg zwischen den Abteilungen 101 und 102, Distrikt Berg links zur B 417, rechts in die Abteilungen 103 und 104, Distrikt Berg und weiter zur Abteilung 105, Distrikt Hochwurzel. – Man sollte an dieser Stelle erwähnen, dass überall in Hessen die ersten Abteilungsnummern und Distrikte im Südosten einer Gemarkung anfangen. – Gehen wir nach links zur „Torbuche“. Sie befindet sich in Abteilung 101, Distrikt Berg, etwa 150 Meter von der B 417, nach rechts achtzig Meter ins Bestandsinnere. Die „Torbuche“ ist etwa 250 Jahre alt.

Querbeet gegen Süden kommen wir an den Grenzweg; wir gehen rechts nach Westen bis zum Ende der Abteilung 101. Wir sehen Gasschieber im Boden, somit sind wir in Abteilung 103, Distrikt Berg angelangt, ein Laubholzmischbestand mit Gruppen von Nadelholz. Wir gehen nach Norden, an die Kreuzung der Abteilung 101/103/102/104 am Mittelpunkt der Distrikte Berg angekommen. In Abteilung 102 finden wir einen hundertjährigen Fichtenbestand. In Abteilung 104 treffen wir auf Laubholz mit Nadelholzmischbestand, etwa vierzig bis fünfzig Jahre alt. Am Ende des Krieges wurden in den Beständen in Abteilung 101/102/103/104 sowie in Abteilung 106, Distrikt Hochwurzel einige tausend Raummeter Holz für Städte wie Wiesbaden, Groß-Gerau und Frankfurt eingeschlagen. An der Wasserstelle in Abteilung 104 holten die Waldarbeiter bei heißer Witterung Wasser zum Trinken. Kalt und nass war die Stelle, noch kein Baum wuchs hier. Es wurden Sickergräben angelegt, um das Wasser fortzuführen. Nach kurzer Strecke versank das Wasser – die Quelle des Rahlbachs. Diese Stelle wurde von den Waldarbeitern die „Hoferquelle“, nach einem Waldarbeiter Hofer, genannt. Etwa achtzig Meter nach Westen, fünfzehn bis dreißig Meter nach Norden von der Südseite von Abteilung 104, entlang unseres Weges, verläuft die Ruhrgas-Fernleitung nach Rüsselsheim. (...)



Zweiter Waldspaziergang

Wir gehen auf dem „Bierhausweg“ – am Anfang des Weges stand früher eine Bierbrauerei – in den Wald. (...)

Wir gelangen an die Kreuzung Abteilung 110/113 mit Abteilung 109 und Abteilung 112, Distrikt Obere Wachhecken. Hier steht ein 100- bis 140-jähriger Bestand, der durch Sturmwurfschäden total aufgerissen wurde. Die Jungbestände sind stellenweise zu sehen mit Fichte, DGL, Tanne, Eiche, JLA, Buche (25 bis 30 Jahre). Der Boden ist feucht mit flachen Steinen, teils flachgründig versetzt. Links haben wir die Abteilung 109, Oberer Eichelgarten, die vom Westen her stark durch Sturmwurfschäden aufgerissen ist. Hier finden wir sechzehn registrierte Hünengräber in verschiedenen Größen mit Durchmessern von 6 bis 32 m. Das größte davon hat von Osten her einen Einschnitt (Graben) von 8 bis 10 m Länge und einer Breite von maximal 2 m. Man nimmt an, dass dies eine Kultstätte aus der Zeit von etwa 3000 bis 5000 v. Chr. ist.

Bevor wir an die Kreuzung der Abteilungen 109/112 mit 104/106 kommen, sehen wir vom Bierhausweg aus, etwa 100 Meter vor der Kreuzung, rechter Hand die „Torbogeneiche“. Der schwächere Teil dieser Eiche ist bereits abgestorben. Ab der Kreuzung haben wir links die Abteilung 104, folgend die Abteilung 103, Distrikt Berg mit der höchsten Erhebung am Grenzweg (vom Bierhausweg aus in Richtung Osten). Der geometrische Punkt befindet sich 366 m über NN. Oftmals wird jedoch erklärt, die Abteilung 105, Distrikt Hochwurzel sei der höchste Punkt in der Gemarkung. Rechts haben wir die Abteilung 106, folgend die Abteilung 105, Distrikt Hochwurzel. Die Abteilung 106 weist einen Laub- und Nadelholzmischbestand auf. Die Abteilung 105 zeigt Kiefern und Lärchen, ein 130-jährigen Altbestand, und einen Unterbestand mit 100-jährigen Buchen.

Wir gehen zurück zur Kreuzung und von dort nach Westen, Richtung Nauheimer Wald, bis zur Kreuzung Abteilung 106/112 mit 114, Distrikt Urhaag. Dort gehen wir nach Norden; links befindet sich die Abteilung 114, ein 170-jähriger Kiefernbestand mit Laubholz als Unterstand. (...)

(BA); Abkürzungen: DGL = Douglasie; JLA = Japanische Lärche


Auszüge aus dem Heimatbuch „Kirberg Einst und Jetzt“ zum Jubiläum „650 Jahre Amt und Flecken Kirberg", Kirberg 2004 / Autoren: Kurt Nigratschka (NK), Arnold Badstieber (BA)